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Beitrag zum Bildungstag im Hamburger Rathaus im September 2018

Beitrag zum Bildungstag im Hamburger Rathaus im September 2018
Familie und Partnerschaft

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Im September 2018 fand im Hamburger Rathaus ein Bildungstag zum Thema „Schulpflicht – Schulzwang – Recht auf Bildung!“ statt. Der Anlass für diesen Tag war, dass die Schule für eine zunehmende Zahl von jungen Menschen nicht (mehr) der richtige Ort ist, um sich bilden zu können. Mehr noch, sie leiden, werden unglücklich oder krank, sogar traumatisiert, und/ oder verweigern sich gar der Schule. Für die betroffenen Familien ein Dilemma.

Die Gründe hierfür sind vielfältig: 

Für die einen ist es ein „zu Viel“. Es ist ihnen z.B. zu laut. Sie können schlichtweg den Lärm nicht ertragen. Für andere sind es zu viele (junge) Menschen, die sich auf engem Raum aufhalten müssen, zusammen lernen und arbeiten sollen.  

Auch nicht jeder Erwachsene arbeitet gerne im Großraumbüro. Geschweige denn, dass er oder sie es ertragen kann. Von vielen jungen Menschen allerdings wird verlangt, dass sie in für sie zu großen Gruppen von Gleichaltrigen (oft sogar in Klassenräumen mit 25, 30, oder in Waldorfschulen, sogar bis zu 38(!) Mitschülern- und Mitschülerinnen) unterrichtet zu werden, lernen und arbeiten zu müssen – und das im Alter von 6 bis 18 Jahren, also 12 bis 13 (Lebens-) Jahre verpflichtend! 

Und wer das (schon in jungen Jahren) nicht erträgt, weil er / sie möglicherweise hochsensibel ist, davon krank wird oder sich verweigert, wird in der Struktur unseres Systems dazu gezwungen. Dabei reagieren diese jungen Menschen sehr gesund auf ein krankes Schulsystem.

Auf der anderen Seite gibt es junge Menschen, für die es ein „zu Wenig“ ist. Das sind meist  junge Menschen mit – für die schulrelevanten Bereiche getesteten – Hochbegabungen. Diese Schüler und Schülerinnen wollen oft tiefer in eine Thematik einsteigen oder wollen mehr Materialien, die sie in der Schule nicht geboten bekommen. 

Ein anderer Fall ist der von einem Mädchen, das eine Teil-Hochbegabung im Bereich ihres „Arbeitsspeichers“ ausgewiesen bekam. Dieses Mädchen hat u.a. in Mathematik die Aufgaben sehr schnell verstanden. Da aber auf dem Gymnasium verlangt wurde, Arbeitszettel um Arbeitszettel mit kleinst gedruckten Aufgaben auszufüllen, die immer wieder dasselbe Rechenprinzip erforderten, verschwammen bei dieser Schülerin irgendwann die Aufgaben vor den Augen. In den Klassenarbeiten hatte sie Blackouts und schrieb Fünfen, obwohl sie die Aufgaben eigentlich mit Leichtigkeit lösen konnte. Als die Eltern diese Problematik im Lernentwicklungsgespräch (LEG) thematisierten und darum baten, ob ihre Tochter nicht weniger von den redundanten Aufgaben zum Lösen bekommen könne, sagte der Lehrer: „Wir machen hier keine Inklusion!“ 

Dieses Mädchen hatte nicht lange danach einen „Burnout“ und musste das Gymnasium verlassen. Die Eltern erkundigten sich nach anderen Möglichkeiten, um ihre Tochter in dieser Phase zu beschulen. Es gab keine Unterstützung von Seiten der Behörde, außer die Tochter in eine Kinder- und Jugendpsychiatrie zu geben, durch die dann eine Wiedereingliederung ins Schulsystem erfolgen sollte. Da die Eltern aber sagten, ihre Tochter wäre ja nicht psychisch krank, sondern brauche nur eine andere Art des Lernens, gab es für die Familie von Seiten der Schulbehörde keine Unterstützung. So entschied sich die Familie für den Weg ins Ausland. 

Denn: In Deutschland ist ein Nicht-Wahrnehmen des  Angebots der Institution Schule, bzw. ein selbstbestimmtes Bilden auf anderen Wegen, beispielsweise  „informell“ oder „frei“ oder über eine andere Beschulungsart  (z.B. Fernschulen), gar nicht oder nur dann möglich, wenn eine schwere Krankheit bescheinigt durch Atteste, oder eine psychische Störung vorliegt. Ansonsten wird das Fernbleiben, von der vom Staat vorgegebenen und einzig erlaubten Art, wie und wo ein junger Mensch Wissen zu erwerben hat, mit der Verhängung von Bußgeldern und Zwangsgeldern, sowie im schlimmsten Fall mit dem Herausnehmen der jungen Menschen aus ihren Familien und einer Unterbringung in staatlicher Obhut geahndet. 

Aber kann man in Deutschland seine Kinder dennoch aus der Schule nehmen? Man kann. Es ist jedoch einiges zu überlegen und zu beachten.

Warum gibt es in der heutigen Zeit und in unserem modernen Deutschland noch den „Schulgebäude-Anwesenheitszwang“? Dabei brauchen wir nur über die Grenzen zu schauen, außer Deutschland und Schweden (wo es allerdings keinen Lehrplan gibt) gibt es kein (europäisches) Land, in dem es den deutschen „Schulgebäude-Anwesenheitszwang“ gibt. Und in allen diesen anderen Ländern funktioniert es auch. Warum sollte es ausgerechnet in Deutschland nicht funktionieren!?! 

Laut Anwalt Jost von Wistinghausen (einer der Redner auf dem Bildungstag), besteht eine Angst davor, dass niemand mehr hier die Institution Schule besuchen würde, wenn die Schulpflicht bzw. der Schulzwang gelockert werden würde. Schulen müßten sich ganz neu aufstellen und sich dann mehr um ihre Schüler und Schülerinnen bemühen. Eine andere Mutmaßung ist, dass Angst vor einer Entstehung von Parallelgesellschaften besteht. Diejenigen, die Schulen besuchen und diejenigen, die sich anders, frei und selbstverantwortlich, bilden. 

Allerdings schafft die Institution Schule bereits Parallelgesellschaften: Junge Menschen, die tagtäglich während ihrer gesamten Jugend, in Gruppen von Gleichaltrigen verbringen, sind bereits Parallelgesellschaften! Eine wirkliche Sozialisation sowie ein gewaltfreies Miteinanderleben kann in solchen künstlichen Gruppen nicht erworben werden! Fast jeder, mit dem ich arbeite, erzählt nach kurzer Zeit, dass er oder sie schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen (Mitschülern wie Lehrern) während der Schulzeit machen musste. Dazu zählen Mobbing, ungerechte Behandlungen, Ängste etc.. Viele sind nachhaltig so davon geprägt, dass es ihnen als Erwachsene schwer fällt mit anderen Menschen gesunde Bindungen einzugehen.

Schule ist und kann also nicht für jeden der richtige Ort sein, denn wir sind alle individuell. 

Wir leben auch nicht mehr wie vor 301 Jahren als die Schulpflicht eingeführt wurde, als nur der Pfarrer und der Lehrer Lesen und Schreiben konnten. Bis 1938 war es in Deutschland auch noch möglich, dass Eltern ihren Nachwuchs z.B. durch Hauslehrer bilden lassen durften. Heute leben wir im 21. Jahrhundert, in einer alphabetisierten, digitalisierten und technisierten (Bildungs-)Gesellschaft. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Hirnfunktionen und das Lernen sind heute fundiert, werden aber im Bildungssystem überhaupt nicht berücksichtigt.

Auf dieser Basis brauchen wir dringend eine Veränderung! Wenn diese, neben Schulen, neue Bildungslandschaften sowie individuelle Bildungsmöglichkeiten zu Hause und anderswo (wieder) erlaubt und bietet, wäre dies ein Weg in eine neue, moderne, wirklich bildungsfreundliche und zukunftsträchtige Gesellschaft. 

Dieser Bildungstag war ein Tag, der uns alle herausfordern sollte, unsere verstaubten und alteingesessenen Glaubensmuster und -sätze im Zusammenhang mit Schule und Erziehung zu überdenken. Um sie zu transformieren und um wahrhaftig in Beziehung zu treten mit den jungen Menschen – mit unseren Söhnen und Töchtern.

Diesen Beitrag habe ich geschrieben für alle, die vielleicht schon zu dem Schluss gekommen sind, dass das Schulsystem weder ihren Kindern noch der Familie gut tut, für die, die ein Pro und Contra der Abwendung von der Schule erwägen, für Einsteiger ins Lernen und Leben jenseits der Schulpflicht sowie für alle interessierten Menschen an diesem Thema…

Martina Weihrich

 

Martina Weihrich

Hier gelangt Ihr zu meinem Profil bei nova:
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Über Martina Weihrich

Ich arbeitete insgesamt 9 Jahre als Lehrerin an Grund- und Mittelschulen. Als mein Sohn schulpflichtig wurde, begann meine Entscheidung zu reifen, mich nicht mehr nur innerhalb der von mir wahrgenommenen Grenzen und Einschränkungen unseres Schulsystems zu bewegen, das insbesondere für hochsensible und wahrnehmungsbegabte Kinder - aber auch für ihre Begleiter - besondere Herausforderungen bereithält.Heute arbeite ich nach zahlreichen Fort-und Weiterbildungen als Trainerin und Coach und leite Businesstrainings und Seminare in Unternehmen und Institutionen (u.a. Schulen und Krankenhäuser). Zu meinen Schwerpunkten zählen dabei Kommunikation und gesunde Führung, Persönlichkeitsentwicklung sowie Stimmbildung. Darüber hinaus ist mir das Thema „Umgang mit Hochsensibilität in Beruf und Schule“ eine Herzensangelegenheit.