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Fachtag „Hochsensible Kinder“ in Dortmund im September 2018

Fachtag „Hochsensible Kinder“ in Dortmund im September 2018
Berufliche Weiterentwicklung Familie und Partnerschaft Gesundheit und Ernährung

„Besonders feine Antennen – Hochsensibilität bei Kindern“ Fachtag im September 2018 in Dortmund

Mit großer Resonanz fand im September in Dortmund ein Fachtag rund um das Thema „Hochsensibilität bei Kindern“ statt. Organisiert wurde er vom CJD-Dortmund und dem Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität e.V..

An diesem Tag trafen sich Wissenschaftler, Pädagogen, Therapeuten und betroffene Eltern, die nach einer Reihe interessanter Vorträge im Open Space gemeinsam Lösungsmöglichkeiten erarbeiteten, um den Bedürfnissen hochsensibler Kinder besser gerecht zu werden und ihnen in Kita und Schule eine individuelle Unterstützung zukommen zu lassen.

Einführung in den Fachtag

In das Thema führte Horst Röhr sehr anschaulich ein. Er ist Pädagoge im Ruhestand und langjähriger Leiter des CJD-Jugenddorfes in Dortmund. Im Mittelpunkt seines Vortrages stand die Notwendigkeit einer individuellen Sichtweise auf jedes Kind und die ebenfalls individuelle, bedürfnisorientierte und fein abgestimmte Förderung mit Blick auf die Komplexität der Persönlichkeit des Kindes und seiner sensiblen Persönlichkeitsstruktur in Zusammenhang mit den verschiedenen Wirkungen und Wechselwirkungen zwischen Instanzen und Institutionen wie Elternhaus, Kita und Schule.

Horst Röhr machte deutlich, dass es unter den hochsensiblen Kindern ganz verschiedene Typen und Mischtypen gibt. Hat ein Kind z.B. viele moralische Interessen und ist ein Vielsprecher handelt es sich bei ihm vermutlich um eine intellektuelle Hochsensibilität. Hat ein Kind imaginäre Freunde oder Haustiere, ist es ein Tagträumer und lebt oft in seiner eigenen (Phantasie)Welt, handelt es sich hierbei wohl um eine imaginäre Hochsensibilität. Kinder, die eine tiefe Verbundenheit mit Tieren, der Natur aber auch ihren Mitmenschen empfinden, diesbezüglich starke Gefühle und tiefe Emotionen haben und in diesem Zusammenhang auch zu extremen Reaktionen neigen, sind emotionale HSP. Darüber hinaus gibt es aber auch die Kinder, die in erster Linie dadurch auffallen, dass sie besonders aktiv und quirlig sind, und aus ihren Ideen heraus einen immensen Bewegungs- und Tatendrang verspüren. Bei diesen Kindern steigt mit zunehmender Erregung auch ihre Aktivität und sie sind oft kaum noch zu bändigen. Hierbei handelt es sich um psychomotorischen Hochsensible. Gerade bei ihnen ist eine Abgrenzung zu ADHS dringend erforderlich. Eine weitere Gruppe von HSP sind die sensorischen Hochsensiblen. Sie verfügen über eine besonders tiefe Wahrnehmung und Empfindsamkeit über die Sinne. Dabei sind oft einzelne Sinne besonders ausgeprägt und zu „Höchstleistungen“ im Stande. Diese Kinder haben entweder eine „übersinnliche“ (sehr feinstoffliche) Wahrnehmungskraft, indem sie auch feinste Energien spüren, sie können aber auch sinnliche Empfindungen (Musik, Geschmack, Farben) besonders fein differenzieren und sind häufig Synästhetiker.

All diese hochsensiblen Kinder müssen erst lernen, mit ihrer besonderen Persönlichkeitsstruktur umzugehen, denn gerade in den frühen Kindheitsjahren ist die Aufnahme von Reizen (exogene und endogene gleichermaßen) für sie nicht kontrollierbar. Dafür braucht es in erster Linie eine einfühlsame Begleitung durch Vertrauenspersonen (Eltern, Erziehern, Lehrern aber auch verständnisvollen Ärzten und Therapeuten) in ihrem sozialen Umfeld.

Sein klares Resümee war, diesen Kindern viel Zeit und Raum zu lassen und ihnen eine vertraute und akzeptierende Atmosphäre zu bieten, um sich individuell entfalten zu können, denn gerade durch ihre hohe Sensibilität sind diese Kinder besonders dankbar und ansprechbar in Bezug auf Hilfe.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Anfängen

Im Anschluss sprach Michael Jack über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Anfängen. Er arbeitet als Rechtsanwalt und ist Präsident des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V.. Interessant war an seinen Ausführungen, dass sich die Wissenschaft unter Begrifflichkeiten wie „sensitiver Charakter“ oder „Thalamopathen“ bereits seit Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts mit Hochsensibilität beim Menschen in verschiedenen psychologischen Zusammenhängen auseinandergesetzt hat. In diesem Zusammenhang sei das Buch „Der sensible Mensch“ von Wolfgang Klages erwähnt. Weit vor Elaine N. Aron also, die erst Ende des Zwanzigsten Jahrhunderts ihre Forschungsergebnisse publizierte und damit den Begriff „Hochsensibilität“ etablierte, war dieses Phänomen bereits in der Wissenschaft bekannt.

Hochsensible Kinder – Perspektiven aus der Wissenschaft

Teresa Tillmann referierte über dieses interessante Thema mit der Perspektive aus der aktuellen Forschung. Sie ist Psychologin und derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Fakultät für Psychologie und Pädagogik an der Ludwigs-Maximilians-Universität München. Sie berichtete über neueste Erkenntnisse in der Forschung zum Thema Hochsensibilität und den Bemühungen der akademischen Psychologie, diese Reizempfindlichkeit durch Integration der verschiedenen Einzeltheorien unter eine Rahmentheorie zu fassen.

Das Stichwort hierfür lautet „Environmental Sensitivity“ (Umgebungssensitivität). Kurzgesagt, geht es hierbei darum, dass unterschiedliche Reizempfindlichkeiten genetisch bedingt sind und in diesem Zusammenhang den Umweltfaktoren im Rahmen des Aufwachsens eine große Bedeutung zukommt: Positive Einflüsse verstärken sich im Laufe des Lebens positiv, negative Erfahrungen verstärken sich im gleichen Maße und prägen das weitere Leben entsprechend. Da hochsensible Menschen eine höhere „emotionale Reaktivität“ aufweisen, sind sie unter anderem über eine ebenfalls erhöhte Reflexionsfähigkeit zu höheren Lernleistungen in der Lage.

Ergebnisse jüngster Forschungen weisen darauf hin, dass es drei Gruppen von Kindern gibt: Zu den „Löwenzahn-“ und „Orchideen-Kindern“ (niedrige und hohe Sensibilität) gesellen sich nun auch die „Tulpen-Kinder“ mit einer mittleren Reizempfindlichkeit. Es ist von einer Verteilung in % von ca. 30-40-30 (niedrig-mittel-hoch) auszugehen. Damit läge eine annähernden Gleichverteilung vor.

Im Rahmen einer jüngst von Teresa Tillmann durchgeführten Studie, an der deutsche Haupt-, Real- und Gymnasialschüler*innen teilgenommen haben, hat sich noch einmal bestätigt, dass Hochsensibilität zwischen den Geschlechtern und den Alters- und Klassenstufen gleich verteilt ist. Es ist ganz klar ein Temperamentsmerkmal und keine Krankheit. Allerdings kommt den jeweiligen Umgebungsfaktoren (Schule/ Elternhaus …) bei der Entwicklung hochsensibler Kinder eine entscheidende Rolle zu. Wichtig zu nennen ist, dass im Zusammenhang mit dieser Studie auch ein deutscher Fragebogen mit 10 Fragen validiert wurde.

Hochsensible (Orchideen-)Kinder, die an dieser Studie teilgenommen haben, berichteten von einem eingeschränkten Wohlbefinden in der Schule. Sie seien aber tendenziell leistungsfähiger und interessierter. Insofern sind sie „dankbare“ Kinder, brauchen aber Unterstützung dabei, sich vor Reizüberflutung zu schützen, z.B. durch Rückzugsräume und die Anpassung von Lern-, Lehr- und Arbeitsbedingungen sowie der Bedingungen bei Prüfungen.

Das hochsensible Kind in der Kita

Tanja Gellermann, Sensitiv Coach und körperorientierte Traumatherapeutin mit einer Praxis in Münster, machte in ihrem Impulsvortrag zum Thema „Das hochsensible Kind in der Kita“ deutlich, dass gerade hochsensible Kinder bis zu einem Alter von 3 Jahren aufgrund des in diesem Alter noch nicht vollausgebildeten Nervensystems eine verlässliche Co-Regulation durch Eltern und vertraute Bezugspersonen benötigen, um sich gesund entwickeln zu können. Deshalb sind gerade auch in der Kita Rückzugsräume erforderlich, die diesen Kindern den Raum geben, zur Ruhe zu kommen und all die intensiven Eindrücke zu verarbeiten. So können sie unter anderem vor Überreizung geschützt werden. Andernfalls neigen diese Kinder zu plötzlichen Stimmungsänderungen, die das Miteinander in der Gruppe erschweren.

Rücksichtnahme sollte auch in neuen Situationen genommen werden. Sollten sich die Kinder zunächst eine Beobachterrolle wünschen, um Sicherheit und Vertrauen aufzubauen, sollte ihnen diese fürsorglich zugestanden werden.

Um hochsensible Kinder als „kleine Kita-Polizisten“ besser einzuordnen, ist ein Verständnis ihres ausgeprägten Gerechtigkeitssinns erforderlich. Sie schlüpfen automatisch in die Rolle eines Anwaltes, wenn anderen Kindern etwas angetan wird, das sie für ungerecht halten. Oft überfordern sich die Kinder mit dieser Rolle aber oder werden verkannt und neigen deshalb zu Aggression oder Wutausbrüchen.

Ein weiteres Problemfeld ist der Perfektionismus, der, hervorgerufen durch das Gefühl der Andersartigkeit, schnell zu Blockaden, Wut oder auch Flucht als Reaktion auf Kritik führen kann. Diese Reaktionen auf Kritik resultieren aus einem tiefen Schamgefühl, das im Interesse der gesunden psychischen Entwicklung hochsensibler Kinder unbedingt zu vermeiden ist.

Finden hochsensible Kinder jedoch Akzeptanz für ihr Wesen bei Erzieher*innen und in der Gruppe, profitieren sie besonders und über die Maßen von diesem fürsorglichen Umfeld.

Das hochsensible Kind in der Schule

Dorothea Isselstein-Mohr ist Diplom Pädagogin und Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin in Hattingen. Sie hielt einen Impulsvortrag über hochsensible Kinder in der Schule. Wichtig ist für sie, den Kindern zu sagen, dass sie nicht falsch sind, so wie sie sind, auch wenn Lehrer und Erzieher oft das Gegenteil vermitteln. Hochsensible Kinder bilden eine anspruchsvolle Gruppe, bei denen herkömmliche Lern- und Lehrmethoden oft wenig Wirkung zeigen. Jedoch ist es immens wichtig, auf die Bedürfnisse dieser Kinder und Jugendlichen einzugehen und sich damit auseinanderzusetzen, weil sie überproportional von guten Lernbedingungen profitieren.

Neben Rückzugsmöglichkeiten ist es vor allem auch eine anschauliche und abwechslungsreiche Unterrichtsgestaltung, die viel Raum für Kreativität und eigenverantwortlichem Handeln lässt und hochsensiblen Kindern damit eine förderliche Lernatmosphäre bereitet. Letztendlich profitiert davon sogar der gesamte Klassenverband. Nehmen Lehrer und Erzieher der „Andersartigkeit“ hochsensibler Kinder die negative Sichtweise und kultivieren stattdessen Heterogenität als eine bereichernde Vielfalt, verhindern sie dadurch nicht nur Mobbing und Ausgrenzung, sondern implementieren eine allgemeine Willkommenskultur unter den Kindern. In diesem Zusammenhang rät Frau Isselstein-Mohr zu mehr Lehrerweiterbildungen im Bereich Hochsensibilität.

Eltern haben die Verantwortung zuhause für Auszeiten und für sportlichen Ausgleich zu sorgen. Dabei stehen Spaß und Leichtigkeit an erster Stelle und oft ist weniger mehr. Sie müssen auch die Inhalte und die Zeiten für den Konsum digitaler Medien kontrollieren und regeln. Außerdem brauchen hochsensible Kinder täglich Zeit und Raum für emotionalen Austausch. Verständnisvolles Zuhören steht hier für Eltern an erster Stelle. Sie müssen ihre Kinder „lesen lernen“ und selbst auch zu Veränderungen bereit sein. Eltern sollten ihren Kindern in diesem Zusammenhang unbedingte Selbstakzeptanz und Wertschätzung vermitteln. Sie müssen eine klare Trennung vornehmen, indem sie ihren Kindern vermitteln, dass sie gut sind, so, wie sind, und dass lediglich ihre Reaktionen und ihr Verhalten an manchen Stellen überdenkenswert ist. Fürsorgliche Begleitung und Hilfe zur Selbsthilfe sind die Basis des Zusammenlebens in „hochsensiblen Familien“.

Das hochsensible Kind in der Familie

Dem schloss sich auch Julia Rau, systemischer Coach/ ECHA-Coach aus Köln, in ihrem Vortrag über hochsensible Kinder in der Familie an. Die Herausforderungen, vor die Familien mit hochsensiblen Kindern gestellt werden, sind sehr varianten- und facettenreich. Eine besondere Rolle in der Begleitung hochsensibler Kinder kommt den Familienmitgliedern und den Bezugspersonen zu. Sie können den Weg für eine gesunde Entwicklung ihres Kindes legen, indem sie für Rückzugsmöglichkeiten, gute äußere Rahmenbedingungen und Struktur sorgen. Ein Zuhause zu schaffen, in dem sich alle Familienmitglieder wohlfühlen, bildet dafür eine solide Basis.

Sie rezitierte die Worte von Elaine N. Aron: „Der Idealfall ist ein familiäres und schulisches Umfeld, welches das Kind in seinem natürlichen Verhalten bestärkt und unterstützt.“ (aus „Das hochsensible Kind“)

Erfahrungen aus der Beratungsstelle des CJD in Dortmund

Birgit Schütte, systemische Familientherapeutin und integrative Lerntherapeutin im CJD Dortmund, fasste die Erfahrungen ihrer Arbeit in einem kurzen Vortrag zusammen. Sie hob besonders hervor, dass sich Eltern, die von der Hochsensibilität ihrer Kinder erführen, meistens erleichtert zeigen. Die Eltern hätten die Aufgabe, ihren Kindern zu zeigen, wie sie gut mit ihrer Sensibilität leben können und diese als Stärke nutzen lernen.

Außerdem ist es wichtig, als Eltern das konstruktive Gespräch mit Lehrern und Erziehern zu suchen, um auf eine gemeinsame Lösung im Sinne der Kinder hinzuarbeiten. Außerdem machte sie klar, dass die Unausgeglichenheit der Eltern durch Überforderung oder Überreizung sich sofort auch bei ihrem hochsensiblen Kind bemerkbar macht und es bei ihm unweigerlich zu Überreaktionen führt. Sind Eltern also ausgeglichener, sind es auch ihre Kinder.

Für das Familienleben ist es wichtig, gemeinsam individuelle Lösungen zu finden und stetig an einem harmonischen Zusammenleben zu arbeiten. Dafür braucht es von den Eltern viel Präsenz und Flexibilität.

Sabine Sothmann und ich haben diesen Fachtag mit seinen konstruktiven Ansätzen sehr genossen, und mit Freude haben wir aufgenommen, dass die adäquate Begleitung hochsensibler Kinder gesellschaftlich immer mehr an Aufmerksamkeit gewinnt. An diesem Tag haben viele Pädagog*innen und Eltern die Vorträge interessiert verfolgt, sich mit ihren Erfahrungen eingebracht und in vielfältigen Workshops mitgearbeitet, um gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Hochsensible Kinder mit ihren natürlichen Begabungen sind eine große Chance für unsere gesellschaftliche Zukunft. Sie gesund und stark aufwachsen zu lassen, bedeutet für uns die Hoffnung, dass es auch anders gehen kann, denn die Ideen dafür stecken bereits in eben diesen Kindern. Im Sinne ihrer Interessen und ihrer gesunden Entwicklung will nova – Lebensraum Sensibilität Sprachrohr sein und lädt an dieser Stelle zu Diskussionen und konstruktiven Vorschlägen ein.

Bettina Wistuba

achtsamkeits-basierte Beraterin / Begleiterin / Trainerin
für (hoch)sensible Familien & Pädagogen
Mitarbeiterin bei nova – Lebensraum Sensibilität

 

Eine frische Brise in den Führungsetagen oder Frauen führen anders 1

Bettina Wistuba

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