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Hochsensibilität und Tiere

Hochsensibilität und Tiere
Mensch & Tier

 

Hochsensibilität bei Tieren? Gibt es das? Jeder, der schon einmal ein Haustier der höheren Gattungen, etwa einen Hund oder eine Katze hatte, wird bestätigen können, dass Haustiere je einen eigenen Charakter besitzen. Manche Tiere zeigen sich eher draufgängerisch und risikofreudig, andere wieder eher zurückhaltend und scheu. Das ist normal, oder? So, wie es unterschiedlichste Charaktere bei Menschen gibt, werden sie auch Tieren zugestanden. Hochsensibilität soll mittlerweile bei über hundert Tierarten nachgewiesen worden sein, darunter bei Flussbarschen, Rhesusaffen und ….. Fruchtfliegen.

Nun stellt sich die Frage, ob die gleichen Kriterien, die für Hochsensibilität bei Menschen gelten, auch für Tiere herangezogen werden können. Unbestritten scheint es in jeder Population eine Gruppe zu geben, welche verhaltener und zögerlicher reagiert. Daraus eine grössere Nachdenklichkeit abzuleiten, wie sie dem Menschen innewohnt, scheint mir aber fragwürdig und zumindest werfen diese Beobachtungen und Schussfolgerungen Fragen auf.

Zieht man die vier Kriterien nach Elaine Aron heran, muss man sich fragen, ob sie eins zu eins auf das Tierreich übertragen werden können. Zur Erinnerung werden hier noch einmal die vier Kriterien genannt:

  • Gründliche Informationsverarbeitung (Depth of processing)
  • Übererregbarkeit (overarously)
  • Emotionale Intensität (emotional intensity)

Hier fügt Aron aufgrund der Studie von Bianca Acevedo (2014) noch Empathie hinzu

  • Sensorische Empfindlichkeit (sensory sensbility)

Aufgrund ihrer englischen Anfangsbuchstaben werden diese Kriterien auch mit DOES abgekürzt. Nun kann man hergehen und überprüfen, inwieweit diese Kriterien auch auf Tiere zutreffen.

Dazu möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen:

Sie handelt von Amadeus, meinem Kater, den ich im Alter von neun Wochen bekam. Natürlich auch an „normalen“ Massstäben gemessen zu früh, um von der Mutter getrennt zu werden, aber die menschliche Familie, in die er hineingeboren wurde, brauchte das Geld aus dem Verkauf der Katzenbabies (meine Interpretation), so dass er mit neun Wochen zu uns kam. Von Mutter und Geschwistern getrennt, entwickelte er die Angewohnheit, seeeehr lange und sehr heftig zu nuckeln – an jedem weichen Stoff, der sich ihm bot. Selbst mein Sohn, der aufgrund seiner Autismus-Spektrums-Störung nicht unbedingt über hohe Empathie verfügt, meinte, dass er jetzt doch mal langsam damit aufhören könne.

Er war lebendig wie jede junge Katze, übte jagen, sich verstecken und klettern. Dann zogen wir um. Ich hatte in meinem ganzen Erwachsenenleben immer schon mit Katzen gelebt und deshalb war ich es gewohnt, dass diese Tiere keine Veränderungen mögen. Immer, wenn ein Umzug anstand, rechnete ich deshalb mit vier bis sechs Wochen, bis sich das Tier an die neue Umgebung gewöhnt hatte. Diesmal jedoch dauerte es erst einmal drei Monate, bis sich unser Kater nach draussen traute, und dann auch nur in der Dunkelheit. Danach noch einmal drei Monate, bis er auch am hellichten Tage nach draussen ging, also insgesamt eine Gewöhnungszeit von einem halben Jahr. Dazu kam, dass er aufgrund des Stresses, den ihm der Umzug bereitete, Blasenprobleme bekam, eine verbreitete Krankheit bei Katzen, die ich aber so noch bei keiner anderen erlebt hatte. Die Tierärztin musste ihn dreimal retten.

Daraufhin bekam (und bekommt er bis zum heutigen Tag) ein sündteures Spezialfutter, was es nur beim Tierarzt gibt. Aber es hilft. Damit hat er keine Blasenprobleme mehr, aber ohne das landet er innerhalb von sechs Woche wieder in der Tierklinik (wir haben es ausprobiert).

Mittlerweile ist Amadeus 8,5 Jahre alt und damit ein gestandener Kater in den besten Jahren. Und er hat uns gut im Griff. Wir wissen genau, wenn er uns sagen will, dass sein Napf leer ist, er klopft sogar an die Scheibe, wenn wir ihm nicht sofort die Tür öffnen. Da wir wissen, dass er sehr schreckhaft ist, vermeiden wir es, mit Töpfen und Pfannen zu klappern, wenn wir uns zeitgleich in der Küche aufhalten.

Alle diese Beobachtungen bringen mich zu dem Schluss, dass unser Kater hochsensibel ist. Er:

  • Reagiert äusserst verstört auf grosse Veränderungen
  • Ist sehr schreckhaft
  • Verfügt über einen sehr verträglichen Charakter ( gibt eher nach, als dass er angreift und sein Revier verteidigt)
  • Reagiert psychosomatisch (hat Blasenprobleme)
  • Er geht jedem Vorhang aus dem Weg, obwohl er leicht hindurchschlüpfen könnte
  • Er lässt sich von Fremden nicht gern anfassen, ist aber sehr schmusig mit ihm vertrauten Personen

Wenn ich nun versuche, die vier Kriterien nach Aron mit den beobachteten Verhaltensweisen meines Katers zu verbinden, ergibt sich für mich folgendes Bild:

Gründliche Informationsverarbeitung:

Amadeus scheint Situationen (z.B. Revierstreitigkeiten mit dem Nachbarskater) nicht einfach abhaken zu können, sondern lange daran zu „nagen“. Das kann so aussehen, dass er nach einem Revierkampf tagelang das Haus nicht mehr verlassen will und sich dann extrem lange absichern muss, bevor er die Schwelle nach draussen überschreitet.

Übererregbarkeit:

Mein Kater reagiert extrem stark auf Geräusche, ist sehr schreckhaft, reagiert verstärkt auf Veränderungen, ist lange nach einem Reiz noch irritiert, braucht viel Zeit zur Orientierung.

Emotionale Intensität (inklusive Empathie):

Man sagt Haustieren oftmals nach, dass sie empfinden können, wie es ihrem Besitzer geht und darauf reagieren. Das ist bei Amadeus nicht beobachtbar. Er zieht sich zurück, wenn es ihm nicht gut geht (typisches Katzenverhalten), benimmt sich aber ansonsten immer gleich, auch wenn es mir einmal nicht gut geht.

Ich denke, dass es grundsätzlich schwierig ist, Empathie bei Tieren zu messen. Oft interpretieren Menschen das Verhalten von Tieren empathisch, obwohl es sich vielleicht „nur“ um ein Reiz-Reaktions-Schema handelt. Bei Hunden mag das etwas anders sein, aber Katzen machen eher immer „ihr Ding“.

Ausserdem frage ich mich, wie man wohl Empathie bei Fruchtfliegen messen will?

Sensorische Empfindlichkeit:

Ist bei meinem Kater absolut gegeben. Er ist sehr schmerzempfindlich, und reagiert psychosomatisch auf Stress (Blasenprobleme). Schön ist, dass er auch auf Streicheln verstärkt reagiert und diese Berührungen so sehr geniessen kann, dass es ein Genuss ist, ihm zuzuschauen. Es scheint, als ob er jede Art von Berührung stark aufnimmt und ganz darin aufgehen kann.

 

Mein Fazit: Drei von vier Kriterien treffen auf meinen Kater zu. Im Vergleich zu allen anderen Katzen, die ich in meinem Leben hatte, ist er deutlich sensibler. Es scheint also tatsächlich eine unterschiedliche Ausprägung der Sensibilität bei Tieren zu geben, aber meine Vermutung ist, dass sie sich nur zu einem Teil mit dem deckt, was wir als menschliche Hochsensibilität bezeichnen. Das mag auch daran liegen, dass viele Eigenschaften in Verbindung mit der hochsensiblen Veranlagung gebracht werden, die bei genauerer Betrachtung nicht ursächlich dazu gehören (vgl. mein Buch „Hochsensible im Beruf“, 2018, SCM-Hänssler).

Mir persönlich ist es sehr wichtig, sorgfältig zu beobachten und auch wissenschaftliche Studien ggfs. zu hinterfragen. Es scheint m.E. so zu sein, dass man die Kriterien nach Aron nicht eins zu eins auf Tiere übertragen kann, dass es aber deutliche Indizien für eine erhöhte Reagibilität gibt.

Ich wünsche Ihnen viel Freude mit ihrem Tier und ein sensibles Miteinander!

Altstätten, im November 2018, Brigitte Küster, IFHS, Schweiz

 

Brigitte Küster (ehemals Schorr)

Profil von Brigitte Küster
https://nova-lebensraum.de/item/brigitte-kuester-ehemals-schorr-institut-fuer-hochsensibilitaet-ifhs/