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Hochsensible Wahrnehmung und Wirklichkeit

Hochsensible Wahrnehmung und Wirklichkeit
Persönliche Weiterentwicklung

 

Ich habe vor kurzem einen Artikel über Wahrnehmung geschrieben. Als Sabine Sothmann mich bat einen Artikel für Hochsensible hier auf Nova zu schreiben, merkte ich schnell, dass das ein ganz anderer Artikel wird.

Für die Normalsensiblen habe ich den Fokus auf die Filterfunktion des Gehirns gelegt, das uns daran hindert Dinge wahrzunehmen, die es als überflüssig einstuft, damit wir im Hier und Jetzt gut funktionieren.

Für Normalsensible lohnt es sich, an ihrem Filter zu arbeiten und mit ihrer Wahrnehmung ein wenig zu spielen und diese dadurch zu dehnen. Denn wenn wir mehr Input bekommen können wir unseren Handlungsspielraum erweitern.

Hochsensible Wahrnehmung und Wirklichkeit

Wir gehen davon aus, dass alle Menschen die Welt so wahrnehmen wie wir. Irgendwann in der Kindheit merken insbesondere Hochsensible, dass das nicht so ist und unsere Wahrnehmungen von unserer Umgebung nicht nachvollzogen werden können und darum auch nicht akzeptiert werden. Dadurch fühlen wir uns oft ausgegrenzt. Ich habe als Kind deswegen gelernt einen Großteil meiner sensiblen Wahrnehmung zu unterdrücken.

Wir spielen in einer anderen Liga der Wahrnehmung. Dabei ist die Sensibilität bei jedem Hochsensiblen anders ausgeprägt. Das Spektrum ist riesig: Manche sind feinfühlig, andere feinhörig… Viele von uns sind sehr empathisch und haben ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. Dadurch ist die Wirklichkeit in der wir leben sehr unterschiedlich:

Manche Hochsensible hören buchstäblich das Gras wachsen

Ein Klient von mir hörte letzten Sommer nachts öfter ein seltsames Geräusch. Es ließ ihm keine Ruhe. Er schwang sich schließlich aufs Fahrrad und entdeckte in 2 km Entfernung eine Pumpe, die das Grundwasser aus einer Baugrube pumpte. Er hat also ein extrem feines Gehör. Er sagt, er habe auch das Gefühl, die Elektrizität in den Leitungen hören zu können. Das habe ich schon von mehreren Hochsensiblen gehört.

Ich frage mich, wie meine Wirklichkeit aussehen würde, wenn ich so ein feines Gehör hätte. Ich kann es mir nicht vorstellen. (Von meinen persönlichen Ausprägungen von Sensibilität könnt Ihr hier lesen.)

Die Folge unserer sensiblen Wahrnehmung ist, dass wir Hochsensible schon früh Schutzmechanismen brauchen, um uns vor der Dauerbefeuerung an Reizen zu schützen.

Sensible Kinder

Meine sensible große Tochter war in der Grundschule zusammen mit 30 Kindern in einer Klasse. Da sie ein stilles Kind war, wurde sie immer neben die lauten gesetzt. Da sie so viel wahrnahm war das eine ständige Überforderung.

Ein Schutz wenn alles zu viel wird: Der Energiemantel

Ich erklärte ihr den Energiemantel. Das ist ein Bild, mit dessen Hilfe sie sich in der lauten Umgebung schützen konnte. Jahrelang zog sie jeden Morgen diese Magierrobe mit Kapuze an. Das war ihre Barriere gegen die Lautstärke und die vielen anderen Empfindungen, die auf sie einprasselten.

Es ist egal welches Bild wir mit dem Schutz verknüpfen, Hauptsache es spricht mit uns.

Vor ein paar Tagen habe ich in meiner Praxis mit einem Kind ein Bild für genau diesen Zweck entwickelt: Er hat eine schillernde mitternachtsblaue elastische Blase visualisiert, die er bei Bedarf um sich herum aufbaut. Ich habe sie auf eine kleine Karte gemalt und als Erinnerungshilfe mit nach Hause gegeben. Das tue ich häufig, um die Ergebnisse der Arbeit, die meine Klienten und ich leisten greifbarer zu machen. Da ich nicht gut zeichnen kann, haben wir oft viel Spaß dabei.

Diese Karteikarte habe ich für meine mittlere Tochter gezeichnet 🙂

Unsere gemeinsame Wirklichkeit

Für uns alle gilt, dass unsere Wirklichkeit aus dem besteht was wir wahr-nehmen und was wir gewohnt sind. Wir alle teilen grundlegende Annahmen darüber wie unsere Welt funktioniert und aussieht. Die Stadt, in der wir leben und die Straßen, durch die wir täglich gehen sind Fixpunkte in unserem Leben. Wir werden in unserem Alltag aber ständig bombardiert mit Eindrücken, dass wir Vieles ausblenden müssen, das gilt auch und besonders für Hochsensible.

Was wir trotzdem alles ausblenden

Im Film What the Bleep vermuten die Forscher, dass die Ureinwohner Amerikas Kolumbus Schiffe nicht wahrnehmen konnten, weil sie so etwas noch nie gesehen hatten. Ein Medizinmann nahm merkwürdige Wellen wahr und kam immer wieder an den Strand und schaute sie sich diese Anomalie an. Bald konnte er die Schiffe sehen.

Das hat interessante Konsequenzen: Wenn jetzt Aliens in meinem Garten landen würden, würde ich sie also nicht sehen weil mein Gehirn sie ausblendet!

In ihrem Buch Der unsichtbare Gorilla haben Christopher Shabris and Daniel Simmons Wahrnehmung untersucht. Berühmt geworden sind sie mit ihrem Gorilla Experiment basierend auf diesem Video.

Bei Hochsensiblen scheint der Filter im Gehirn anders konstruiert zu sein als bei Normalsensiblen: Es kommt deutlich mehr durch. Dadurch landen Hochsensible viel schneller in einer Überforderung durch zuviel Input.

Was bedeutet mehr wahrzunehmen für unsere hochsensible Wirklichkeit?

Um uns wegen unsere besonderen Wahrnehmung nicht ständig zu überfordern, müssen wir so fest wie möglich in uns selbst verankert sein. Wir sollten uns sehr gut kennen und wissen was uns gut tut und was nicht. Nur dann können wir unsere Wahrnehmungen zulassen und nutzen und trotzdem in der Balance bleiben. Wir sollten uns immer bewusst sein, dass wir die Macht über unserer Realität haben und nicht umgekehrt.

Mit der Zeit entwickeln wir idealerweise Mechanismen um mit den Überforderungen durch unsere Wahrnehmung klar zu kommen: Wir suchen uns Rückzugsgebiete und Aufladestationen in der Natur oder benutzen Hilfsmittel wie den oben beschriebenen Schutzmantel. Zum Glück können wir uns untereinander austauschen und uns Hilfe holen, wenn wir selber nicht mehr weiterkommen.

In meiner Praxis arbeite ich oft mit Klienten, die mehr wahrnehmen als andere. Viele Mütter merken instinktiv, dass mit ihren Kindern etwas los ist, was die Ärzte nicht verstehen können oder wofür sie nicht offen sind. Meistens sind das Themen, bei denen ich gut unterstützen kann. Eine Osteopathin schickt mir Patienten, bei denen sie spürt, dass hinter dem körperlichen Symptomen deutlich mehr steckt.

Meine Klienten nehmen mich mit in ihre hochsensible Wirklichkeit und dort arbeiten wir dann gemeinsam.

Was sind Deine stärksten Wahrnehmungen und wie kommst Du damit im Alltag klar? Hast Du Tipps, die Du mit uns teilen magst? Nach meiner Erfahrung können wir alle viel voneinander lernen.

Gibt es andere hochsensible Themen, die Euch interessieren und über die ich für Euch schreiben soll? Schreibt mir gerne eine Email unter Kontakt@physio-energie.com. Ich freue mich!

Bilder: Privat

© Inge Schumacher