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Selbst ist die HSP

Selbst ist die HSP
Persönliche Weiterentwicklung

 

Der Mensch bewegt sich beständig im Spannungsfeld zwischen Unabhängigkeit (Autonomie) und gegenseitiger Abhängigkeit (Interdependenz). Erstrebenswertes Ziel ist es, den Autonomieanteil und damit den Grad der Selbstbestimmung und der eigenen Freiheit zu erhöhen. Allerdings ist völlige Autonomie und Selbstbestimmung unmöglich und nicht einmal wünschenswert, denn schließlich ist der Mensch ein soziales Wesen, angewiesen auf Anerkennung, Akzeptanz, Zuwendung und Zugehörigkeit.

In diesem Artikel werde ich anhand von 8 Schlagwörtern die Möglichkeiten, die im eigenen Denken und Handeln liegen, benennen und ausführen – eine Art Anleitung zur Selbsthilfe –und mich dabei auf hochsensible Personen (HSP) fokussieren.

(1) Selbstwahrnehmung

Oftmals ist das Beobachten des eigenen hochsensiblen Erlebens mit Unwille, Ungeduld und Abwertung verbunden. Viele HSP hadern mit ihrer hohen Empfindlichkeit. Sie möchten nicht aus dem Rahmen fallen, so robust sein wie andere, nicht so vielen Einschränkungen unterworfen sein. Die Auflehnung gegen die ureigene Wesensart raubt jedoch Energie und geht zulasten der Lebenszufriedenheit. Jeder HSP sei daher in der Selbstwahrnehmung die Haltung der Achtsamkeit ans Herz gelegt. Damit ist eine Form der Aufmerksamkeit gemeint, die sich auf die Gegenwart richtet und durch Neugier, Offenheit, Neutralität und Akzeptanz gekennzeichnet ist. Es ist weder gut noch schlecht, hochsensibel zu sein. Es ist, wie es ist. Diese Haltung ermöglicht Selbstempathie, Nachsicht mit sich selbst und lösungsorientiertes Denken.

(2) Selbsterkenntnis

Für zuvor Unerklärliches und Irritierendes eine plausible Erklärung zu finden, ist für HSP zumeist verbunden mit einer großen Erleichterung und einer Aufbruchsstimmung, manches in ihrem Leben zu verändern. Durch die Auseinandersetzung mit dem Thema Hochsensibilität kann die HSP sich selbst mit neuen Augen sehen, vergangene und aktuelle Erfahrungen neu bewerten, das Selbstbild zurechtrücken und Selbstzweifel abbauen. Dabei sollte beachtet werden, dass Hochsensibilität zwar ein grundlegendes, aber beileibe nicht das alleinige die Persönlichkeit formende Wesensmerkmal ist. Jede HSP ist in erster Linie eine individuelle, einzigartige Persönlichkeit.

(3) Selbstklärung

Für stimmige Entscheidungen und ein Verhalten und Handeln, das nachhaltig den eigenen Interessen dient, gilt es, Klarheit zu gewinnen über seine Werte, Wünsche, Bedürfnisse, Motive und Ziele. Selbstklärung kommt vor Sich-Erklären. Friedemann Schulz von Thun bringt es im Buch Kommunikation als Lebenskunst auf den Punkt: „(…) wer sich selbst versteht, kommuniziert besser. Selbstklärung ist die Grundlage für eine klare, kraftvolle Kommunikation; ist innere Voraussetzung für ein dem eigenen Wesen angemessenes Verhalten (…).“ Dabei ist Selbstklärung nicht so einfach, wie man zunächst meinen könnte, da die Interessen- und Bedürfnislage zumeist komplex ist. Es gibt nicht eine innere Stimme, sondern eine Stimmenvielfalt mit entsprechenden Dissonanzen. Letztlich müssen situativ einzelne Bedürfnisse gegeneinander abgewogen und priorisiert werden.

(4) Selbstverantwortung

Ein entscheidender Entwicklungsschritt für HSP, die sich in der Vergangenheit den Umgebungsbedingungen und dem Agieren ihrer Mitmenschen oftmals eher hilflos ausgesetzt gefühlt haben, ist das Übernehmen von Selbstverantwortung. Es ist an ihnen selbst, geeignete Handlungsstrategien zu entwickeln und eigeninitiativ tatsächlich ins Handeln zu kommen. Aus dem Konzept der Transaktionsanalyse stammt folgende Grundannahme: „Jeder Mensch ist in der Lage, Verantwortung für sein Leben und dessen Gestaltung zu übernehmen. […] Jeder Mensch wird als fähig angesehen, sein Lebenskonzept […] schöpferisch, zuträglich und konstruktiv zu gestalten.“ (Wikipedia)

Der Familientherapeut Jesper Juul nennt in seinem Buch Was Familien trägt Verantwortung als einen der vier Grundwerte für ein gelingendes Miteinander (neben den Grundwerten Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität). Er schreibt: „Eigenverantwortung bedeutet Schutz für den Einzelnen und gleichzeitig Stärkung der Gemeinschaft.“

(5) Selbstmitteilung

Auf die Gedanken, Gefühle, Haltungen und Handlungen der Mitmenschen hat man nur begrenzten Einfluss. Den Einfluss, den man hat, kann man allerdings ausüben, indem man sich anderen erklärt, die eigenen Gedanken, Gefühle, Einstellungen, Absichten transparent macht, sein Anliegen ruhig, freundlich, ohne Kritik mitteilt und Wünsche und Bitten konkret formuliert. Meine Empfehlung für HSP lautet, unnötig lange Erklärungen zu vermeiden und weder auf die Schiene des Vorwurfs noch auf die der Rechtfertigung zu rutschen.

Elaine Aron (die Begründerin des Konzepts Hochsensibilität) hält es für wichtig, dass HSP lernen, in welcher Weise sie am besten über ihre Hochsensibilität sprechen. „Wenn jemand mit anderen über seine Sensibilität reden möchte, dann muss er natürlich die verfügbare Zeit, das Interesse des anderen und dessen Rolle in seinem Leben berücksichtigen. Die meisten HSP versuchen durchaus, über ihre Sensibilität zu reden, aber manchmal tun sie es so, dass es ihnen nicht hilft, die Unterstützung zu bekommen, die sie sich erhofft haben.“ (aus: Hochsensible Menschen in der Psychotherapie) Aron weist darauf hin, dass manche HSP mit dem Argument „Ich bin so sensibel“ andere zu Zugeständnissen bewegen, die diese eigentlich gar nicht gerne machen, und sich dann über deren Unmut wundern. Der Punkt ist: Beziehungen funktionieren nur auf der Basis von Machtbalance und nur fair ausgehandelte Lösungen sind langfristig tragfähig.

(6) Selbstfürsorge

Auf der Basis der akzeptierten Selbstverantwortung kann die Selbstfürsorge aufsetzen. Dies meint, sich mit dem zu versorgen, was man braucht, um gesund und lebensfroh zu bleiben bzw. wieder zu werden. HSP tun gut daran, sich nicht permanent zu viel zumuten, nicht einseitig auf Aktivität und Leistung-Erbringen ausgerichtet zu sein, sondern auch ruhige Arbeitsphasen vorzusehen, sich Auszeiten zu nehmen, reichlich zu schlafen, viel hinauszugehen in die Natur, ins Grüne, ans Wasser…

HSP, die gelernt haben, gut für sich zu sorgen, nehmen Rücksicht auf ihren engen Wohlfühlbereich, sie vermeiden so gut es nur geht Überforderung ebenso wie Unterforderung. Mit gedanklicher Offenheit und Flexibilität können vielfältige taugliche Lösungen gefunden und mit anderen abgestimmt werden, sofern überhaupt andere mit betroffen sind. Wenn HSP das, was sie benötigen, eigenständig bewerkstelligen können, liegt es an ihnen, es eben auch zu tun. Ihre Lernaufgabe liegt darin, sich ein Stück unabhängiger zu machen von der Meinung und Zustimmung anderer.

(7) Selbstentfaltung

Bevor Begabungen ausgelebt werden können, müssen sie zunächst entdeckt und gewürdigt werden. Es gilt, natürliche Stärken nicht als selbstverständlich zu betrachten, sondern als wichtige Ressourcen zu begreifen und dann zu schauen, wie sie sich in den verschiedenen Lebensbereichen und Lebenslagen Nutzen stiftend einsetzen lassen. Die Entfaltung der Stärken dient nicht nur der eigenen Zufriedenheit im Sinne von Selbstverwirklichung, sondern bedeutet auch einen Gewinn für andere Menschen. Es wird von HSP als sinnhaft erlebt, wenn sie erkennen, dass sie gerade mit ihrem Sosein anderen etwas zu geben haben und einen wertvollen Teil zum großen Ganzen beitragen können.

(8) Selbstwirksamkeit

Unter Selbstwirksamkeitserwartung (ein Begriff, den der Psychologen Albert Bandura geprägt hat) versteht man die Überzeugung, dank seiner inneren Stärke und seiner Fähigkeiten auch herausfordernde Aufgaben bewältigen, schwierige Situationen meistern sowie im Leben etwas erreichen und bewirken zu können.

Eine Stärkung der Selbstwirksamkeitserwartung ist wünschenswert, nur darf dabei nicht vergessen werden, dass nicht alles in der Macht des Einzelnen steht. Die Annahme, man könne jedwedes Handlungsergebnis bewirken und ganz nach Wunsch gezielt Einfluss auf die Dinge und die Welt nehmen und damit unkontrollierbare Faktoren wie äußere Umstände, andere Menschen oder den Zufall aushebeln, darf nicht überzogen werden. Andererseits ist dem Denken, man sei anderen Menschen, Situationen, Entwicklungen völlig hilflos ausgeliefert, entgegenzuwirken, indem man seinen Handlungsspielraum erkennt, nutzt und ausweitet.

 

 

Ulrike Hensel

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