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Warum Berufung lebenswichtig für Hochsensible ist

Warum Berufung lebenswichtig für Hochsensible ist
Persönliche Weiterentwicklung

 

 

Als ich auf einer Fachtagung das erste Mal von der Hochsensibilität hörte, packte mich das Thema. Die reden ja über mich! Deshalb also ist in meinem Leben vieles so anders, als es bei anderen ist! Doch dann zweifelte ich: Bin ich wirklich hochsensibel? Viele Jahre lang programmierte ich Computer, und ich konnte damals wirklich konzentriert in einem recht unruhigen Gruppenbüro arbeiten. Wie passt das zusammen?

Später war ich mir sicher: Ich bin wirklich hochsensibel. Und mit der Arbeit am Computer war ich damals inmitten meiner Berufung. Heute arbeite ich nicht mehr mit Computern, sondern mit Menschen. Ich begleite sie dabei, ihre Berufung zu entdecken und sie – meist beruflich – zu leben. Wie aufregend war es für mich, den engen Zusammenhang von Hochsensibilität und Berufung zu entdecken! Aber was ist eigentlich Berufung?

Unsere Vorstellungen sind eher vage: Das hat mit Begabung und Talent zu tun, mit Neigungen und Interessen, es macht Spaß, es hat Sinn, es gibt Erfüllung. Und das alles steckt tatsächlich darin. Von Aristoteles stammt eine schöne Definition, die den Kreis weiter zieht: „Wo sich deine Gaben mit den Bedürfnissen der Welt kreuzen, da liegt deine Berufung.“ Berufung ist nicht allein „mein Ding“, sondern sie bringt erst Erfüllung, wenn sie anderen Menschen dient.

 

Die Fülle wirken lassen

Berufung heißt dienen? Wie ernüchternd! Das Wort „dienen“ hat ja für viele Menschen einen eher unterwürfigen Klang. Doch das ist es nur, wenn ein Herrscher es erzwingt – nicht, wenn es aus freien Stücken geschieht. Dienen heißt: Auf den anderen schauen und ihm etwas aus unserem Eigenen heraus geben. Nur in diesem Beziehungsgeschehen entsteht Sinn, und daraus folgen Erfüllung und Energie.

Immerzu geben – ist das möglich? Der Mensch ist doch ein bedürftiges Wesen! Das stimmt. Die berühmte Maslowsche Bedürfnispyramide zeigt aber auch: Über den „Defizitbedürfnissen“ in den unteren Ebenen der Pyramide steht an der Spitze die Selbstverwirklichung als „Wachstumsbedürfnis“. Unten herrscht Mangel, oben Fülle! Beides steckt gleichermaßen im Menschen. Die Fülle will wirksam werden. Daraus kann man freilich sein „eigenes Ding“ machen, das man auf Kosten anderer „verwirklicht“. Doch das meint Maslow nicht. Er spricht von einem Wirkenlassen des Selbst, das nicht nur den Mangel des anderen füllt, sondern uns selbst dabei auch wachsen lässt. So verstanden, hat Selbstverwirklichung viel mit Berufung zu tun.

Nur zwei Prozent aller Menschen, so Maslows Beobachtung, schaffen es, von ihrem eigenen Mangel wegzuschauen und ihre Fülle „anzuzapfen“. Fließt sie erst mal, dann hört es nicht mehr auf: Während ein befriedigtes Defizitbedürfnis zur Ruhe kommt, wird das Wachstumsbedürfnis zu einer kraftvollen Aufwärtsspirale. Man spricht vom Matthäus-Effekt, nach dem biblischen Gleichnis von den anvertrauten Talenten: „Wer hat, dem wird noch gegeben werden.“ Berufensein heißt also: Habender sein.

 

Lebenslang wachsen

Wenn es um Wachstum geht, darf die Zeitdimension nicht fehlen: Berufung ist ein lebenslanger Wachstums- und Reifungsprozess, der auch im Alter nicht aufhört. Die Soziologin Gail Sheehy hat beobachtet, dass viele berühmte Menschen das, was sie berühmt gemacht hat, in ihrer zweiten Lebenshälfte vollbrachten. Nicht in den 30ern, wie viele glauben, sondern in den 60ern ist der Mensch zu seinen größten Leistungen fähig. Es ist das größere Maß an Lebens- und auch Krisenerfahrung, das ihm das ermöglicht. Leider macht uns unser Jugendlichkeitswahn blind dafür. Der Preis ist hoch: Hören wir auf zu wachsen, dann bauen wir ab.

Als lebenslanger Wachstumsprozess bleibt Berufung nicht das ganze Leben lang gleich. Sie kann überraschende Richtungswechsel und ungewohnte Herausforderungen beinhalten. So manches Mal fühlen wir uns überfordert: Berufung ist immer ein Stück größer als das, was wir uns selbst zutrauen. Wäre sie das nicht, dann würden wir nicht wachsen. Wir brauchen also auch Menschen, die uns ermutigen oder anstupsen, den nächsten Schritt zu gehen. Berufung ist stets ein Beziehungsgeschehen.

 

Energie für Hochsensible

Warum ist Berufung für uns Hochsensible so wichtig? Die amerikanische Psychologin Barry Jaeger teilt Arbeit in drei Kategorien ein: in den Frondienst, den Job und – die Berufung.

Frondienst bedeutet: Der Arbeit fehlt Sinn und Erfüllung. Sie liegt uns nicht. Sie motiviert nicht. Sie zehrt am Selbstwertgefühl. Wir haben das Gefühl, nichts zu können – nicht mal das, was wir gerade machen. Das alles kostet uns viel Energie. Wenn es uns als Hochsensiblen ohnehin an Energie mangelt, bleibt kaum noch Kraft, an der unbefriedigenden Situation etwas zu ändern. Sie kann zum Gefängnis werden, dem wir ohne fremde Hilfe nicht mehr entfliehen können.

Anders die Berufung: Am richtigen Platz zu sein und das Richtige zu tun gibt uns Energie. Wir erleben Sinn und Erfüllung, können unsere Stärken einsetzen, sind von innen her hoch motiviert. Die Fülle fließt, unsere Aufmerksamkeit ist auf unser Tun gerichtet, wir können Störungen leicht wegstecken. Ja, richtig: Wir können Störungen leicht wegstecken, denn unser Tun gibt uns die Energie dazu! Das hatte ich damals als Programmierer erlebt.

Die meisten Menschen machen einfach ihren Job. Er enthält etwas von Fronarbeit und etwas von Berufung. Die Energiebilanz ist einigermaßen ausgewogen. Man kann es aushalten, aber man wird nicht wirklich glücklich dabei, denn es bleibt ein gutes Stück Leben ungelebt. Auch hier lohnt es sich, nach der Berufung zu suchen.

 

Berufung entdecken

Wenn Berufung so lebenswichtig ist: Wie entdeckt man sie denn eigentlich? Diese und ähnliche Fragen können helfen, Berufungshinweise zu finden:

  • Welche Sehnsüchte, Interessen, Leidenschaften, Vorlieben und Träume habe ich?
  • Zu welchen Menschen, Themen, Dingen oder Materialien fühle ich mich hingezogen?
  • Was gibt mir Energie? Was motiviert mich? Wobei vergesse ich die Zeit?
  • Wo sind meine Schwächen? Welche Brüche gibt es in meinem Leben? Wo leide ich oder habe ich gelitten? Wo bin ich benachteiligt?
  • Was sagen andere Menschen über mich? Was sehen sie in mir?

So paradox es klingt: Auch Schwächen, Leiden oder Benachteiligungen können Berufungshinweise geben. Aus ihnen können nämlich besondere Stärken entstehen. Hilfreich ist es, all diese Fragen mit anderen Menschen gemeinsam zu bewegen.

 

Nicht zu viel tun

Eine wichtige Anmerkung für uns Hochsensible: Muss man manch andere Menschen ermahnen, nicht nur an sich selbst zu denken, so muss man unsereins ermahnen, auch mal an sich selbst zu denken. Wir stehen in der Gefahr, zu viel zu tun. Wir nehmen viele Probleme wahr. Doch wir sind deshalb nicht automatisch berufen, sie auch alle zu lösen. Berufung ist kein Aktionismus. Die Bibel – ein Buch, das viel über Berufung zu sagen weiß – versteht darunter nämlich nicht nur ein Tun, sondern auch ein Sein.

Verinnerlichen wir uns doch den schönen Ausspruch von John Steinbeck:

„Die Kunst zu ruhen ist Teil der Kunst zu arbeiten.“

 

Reimar Lüngen

 

 

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Reimar Lüngen

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Über Reimar Lüngen

Jahrgang 1961, hochsensibel, nach vielen Jahren in der IT heute Berufungscoach für Hochsensible.